Ich bin Sylt. Aber zu welchem Lohn?Eine Kampagne sucht das Gemeinschaftsgefühl.

Geschrieben am 10.09.2026
von Alex Lenz

Ich bin Sylt. Aber zu welchem Lohn?Eine Kampagne sucht das Gemeinschaftsgefühl.

Die Sätze kennen wir alle: „So kann es nicht weitergehen“ ist so einer. „Die Politik muss endlich“ ein zweiter. Und seit dem 3. September gibt es einen neuen: „Ich bin Sylt.“

Der Verein Sylter Unternehmer hat auf seiner Jahreshauptversammlung eine Imagekampagne vorgestellt, und man muss zugeben: Der Titel sitzt. Drei Wörter, keine Konjunktive, passt auf einen Aufkleber. Dazu Plakate, eine Homepage, Testimonials von Insulanern. Man ahnt schon: Es wird um Wind gehen, um Licht, um Familien in der vierten Generation – und darum, dass es früher zwar nicht besser, aber eben anders war.

Die Leitfrage lautet: „Welches Sylt wollen wir in Zukunft sein – und was sind wir selbst bereit, dafür zu tun?“ Vereinsvorsitzender Ole König möchte den Blick weg vom Klagen lenken, hin zu dem, „was möglich ist“. Aus dem hanseatisch-behäbigen „Die müssten mal …“ soll ein tatkräftiges „Wir können …“ werden. Das ist, bei aller Ironie, ein sympathischer Gedanke. Wer je einer Sylter Debatte über Bettenzahlen beigewohnt hat, weiß, wie wohltuend allein die Abwesenheit von Vorwürfen sein kann.

Nur hat ein Satz wie „Ich bin Sylt“ eine Eigenschaft, die man ihm nicht ansieht: Er lässt sich nachrechnen.

Die Probleme sind nicht das Problem

Am Erkenntnisstand liegt es auf dieser Insel wirklich nicht. Rund 40 Prozent der Wohneinheiten sind Zweit- oder Ferienwohnungen. Bis 2030 fehlen etwa 2.500 Dauerwohnungen, bei einem durchschnittlichen Quadratmeterpreis von knapp 10.900 Euro. Das Gastgewerbe verlor 2024 fast die Hälfte seiner Ausbildungsplätze. Die Marschbahn kam 2025 auf 80,3 Prozent Pünktlichkeit, im Winter zeitweise auf 50 bis 60. Die Gewerbesteuer sank von 32 Millionen Euro im Jahr 2023 auf voraussichtlich 21,5 Millionen in diesem Jahr.

Man könnte diese Liste jedem Insulaner nachts um drei aufsagen lassen. Es hakt nicht an der Diagnose.

Die eine Zahl, die alles andere sortiert

Eine Zahl fehlt allerdings in den meisten Sylter Debatten, obwohl sie die übrigen ordnet: das Lohnniveau. Eine Auswertung der Arbeitsagentur Westerland wies für die Insel ein Entgeltniveau rund ein Drittel unter dem westdeutschen Vergleichswert aus, deutlich unter dem des übrigen Kreises Nordfriesland. Und die Lücke, so die damalige Agenturleiterin Sandra Fogel, wachse mit steigender Qualifikation, statt zu schrumpfen. Ihr Satz dazu gehört auf ein Plakat, gleich neben den Aufkleber: „Statistisch gesehen ist Sylt kein Verdienst-Paradies.“

Denn daraus ergibt sich eine Rechnung, die für viele nicht aufgeht: unterdurchschnittlicher Lohn, überdurchschnittliche Lebenshaltung. Wer den Rechenschieber ansetzt, kommt auf drei Möglichkeiten. Wohnen unter Bedingungen, die man niemandem gern erklärt. Die Insel verlassen. Oder pendeln – und die Differenz nicht in Euro zahlen, sondern in Lebenszeit, täglich zwei bis drei Stunden, im Vertrauen auf eine Bahn, die dieses Vertrauen im Winter regelmäßig enttäuscht.

Damit ist der Fachkräftemangel keine Randnotiz der Wohnraumfrage. Er ist derselbe Sachverhalt aus einem anderen Blickwinkel. Wer daraus ein Personalproblem macht, hat ein Kapitel übersprungen. Es ist ein Preisproblem – auf beiden Seiten des Lohnzettels.

Fairerweise: Die Betriebe können nicht einfach zahlen, was sie gern zahlen würden. Die Saison ist kurz, die Gewerbemieten sind hoch, viele Unternehmen finanzieren Personalunterkünfte längst selbst, und nur 48 Prozent der Gäste bewerten das Preis-Leistungs-Verhältnis der Insel positiv – bei 93 Prozent Zufriedenheit mit der Unterkunft. Die Insel ist teuer und verdient trotzdem nicht genug. Das ist kein Bösewicht, das ist ein Kreis.

Deshalb gibt es die Strategie

Genau deshalb wurde die Tourismusstrategie auf den Weg gebracht, in einem Verfahren, das man ohne Übertreibung aufwendig nennen darf: Die Sylt Marketing GmbH koordinierte vier Monate lang 35 Beteiligungsformate – elf lokale Gruppen, acht Fokusgruppen, eine Bürgerjury aus 33 per Los ausgewählten Menschen aus allen fünf Inselgemeinden, dazu eine Online-Umfrage mit 759 Teilnehmenden, begleitet von einem Lenkungskreis mit 26 Mitgliedern. Am 19. August war Schluss, am 26. August wurden die Ergebnisse im Alten Kursaal gezeigt. Bis Jahresende soll daraus eine Strategie werden, die dann in die politischen Gremien geht.

Acht Tage später kam die Kampagne. Man kann das als unglückliche Terminplanung lesen oder als sehr bewusste. So oder so ist es der reizvollste Moment der Geschichte: Die Insel hat gerade vier Monate lang zugehört – und bekommt nun ein Angebot, gemeinsam nach vorn zu schauen.

Der 360-Grad-Blick

Der Prüfstein liegt weder im einen noch im anderen Papier, sondern in der Frage, wer beim Wort „wir“ mitgemeint ist.

Da sind die Einheimischen, die nicht Unternehmer sind: die Erzieherin, der Bauhofmitarbeiter, die Rentnerin mit Blick auf ein Nachbarhaus, das elf Monate im Jahr dunkel bleibt. Da sind die Pendler, für die die Marschbahn kein Infrastrukturthema ist, sondern die Frage, ob sie ihre Kinder abends noch sehen. Da sind die Gäste, die das alles finanzieren. Und da sind die Zweitwohnungsbesitzer, die auf Sylt gern als Kategorie und selten als Gesprächspartner vorkommen.

Der Verein Sylter Unternehmer vertritt 630 Betriebe mit mehreren tausend Beschäftigten, hat einen gewählten, namentlich bekannten Vorstand und macht daraus kein Geheimnis – in einer Debatte, in der andere Akteure deutlich verschwiegener auftreten, ist das anerkennenswert. Er ist ein wichtiger Teil dieses Bildes. Er ist nicht das Bild. Der Verein weiß das selbst und sagt es auch: „Ich bin Sylt“ solle keine Initiative der Unternehmer bleiben, sondern eine der Insel werden.

Damit ist die Messlatte gelegt, und sie liegt erfreulich hoch. Sie wäre erreicht, wenn in einem Jahr auch Menschen den Aufkleber am Auto haben, die keinen Betrieb führen.

Wo es sich entscheidet

Entschieden wird das ohnehin woanders: in der Gemeindevertretung, im Bau- und Planungsausschuss, beim Kreis, beim Land.

Es kommt also auf Dienstagabende an. Auf Sitzungen, bei denen niemand Testimonials dreht, in denen aber steht, ob eine Insel ihren Kurs findet. Ole Königs Anspruch für die Zwischenzeit ist erfreulich unbescheiden: Sylt solle „die lebenswerteste Insel der Welt“ werden. Mindestens.

Man wünscht es der Insel. Allen, die zu ihr gehören. Und man wünscht dem Aufkleber, dass er eines Tages stimmt – für den Vorstand ebenso wie für die Frau, die um 4.40 Uhr in Niebüll in den Zug steigt. Bis dahin bleibt „Ich bin Sylt“ ein schöner Satz, der noch auf seine Gegenfinanzierung wartet.

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